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Der Thomanerbund e.V. trauert um

Hans-Jürgen Bersch

Er verstarb am 21. November 2016 nach langer Krankheit in seinem Heimatort Wiesbaden.
Hans-Jürgen Bersch war Thomasschüler von 1935-1943. Als langjähriger Vorsitzender des Thomanerbundes hat er sich nach der Wende mit unermüdlicher Energie und Zielstrebigkeit für dessen Rückführung aus dem Frankfurter Exil nach Leipzig eingesetzt. Seine Vorträge und Publikationen zur jüngeren Geschichte der Thomana fanden bei der jungen Schülergeneration lebhafte Resonanz.

Der Thomanerbund gedenkt seiner in Dankbarkeit. Seinen Angehörigen gilt unser tiefempfundenes Mitgefühl.

Dr. Peter Roy
Vorstandsvorsitzender

Leipzig, den 02.Dezember 2016



„Haddock“ und der Thomanerchor (zur Uraufführung der Chorkantate von Stephan König zum Bachfest 2015 in Leipzig)

Obwohl Leipzig bereits 1941 unter dem Codenamen „Haddock (Schellfisch)“ auf einer Liste des Bomber Command der Royal Air Force als vorrangig zu bombardierende Stadt genannt wurde, ereignete sich zunächst, abgesehen von kleineren Attacken, kein größerer Luftangriff. Erst in der Nacht zum 4. Dezember 1943 brach das Unheil über die Stadt herein. Mit mehr als 500 Bombern wurden in einem verheerenden Flächenangriff große Teile der Innenstadt zerstört. Die Thomaskirche blieb wie durch ein Wunder weitgehend unversehrt. Um so mehr wurden die am Rande des Zentrums gelegenen Wohn- und Ausbildungsstätten der Thomaner, die Thomasschule und das Alumnat, durch Brandbomben arg in Mitleidenschaft gezogen. Da den Löschfahrzeugen der Feuerwehr infolge unpassierbar gewordener Straßen der Zugang verwehrt war, griffen die älteren Thomaner kurzerhand zu Schlauch und Spritze, um die sich bereits auf das Dach und einige Räume des Alumnats ausbreitenden Brandherde zu löschen. Frau Charlotte Ramin, die Witwe des damaligen Thomaskantors Günther Ramin, schreibt hierzu in ihren Erinnerungen: „ Es gelang ihnen tatsächlich, zu verhindern, dass das Feuer auf das eigentliche Haupthaus übergriff“. Nachdem die völlig verängstigten Kleinen aus dem Luftschutzkeller in die unweit des Alumnats gelegene Wohnung des Thomaskantors gebracht worden waren, bemühte sich Ramin beim Rat der Stadt um die Bereitstellung von Bussen, um den Chor aus der brennenden Stadt zu evakuieren. Für diesen Notfall war schon seit langem die Fürstenschule im nahe gelegenen Grimma vorgesehen. Charlotte Ramin: „….und dann begann eine grausige Fahrt. Dreimal mussten wir umkehren, weil Brände den Weg versperrten, und nach einer Stunde standen wir wieder vor dem Alumnat“. Schließlich gelang es dann doch dem Leipziger Inferno zu entkommen, so dass die Thomaner am späten Abend des 4. Dezember völlig erschöpft aber vollzählig und wohlbehalten ihr Refugium in Grimma erreichten.

Für den Thomanerchor war allerdings damit noch längst nicht die Zeit der Gefahren vorüber. Noch immer beherrschte der Krieg mit all seinen Schrecken und Beeinträchtigungen für mehr als ein Jahr das Alltagsleben. Umso dringender war es, den Chor wieder in eine der Situation angepasste, geregelte Lebensform zu bringen. Dank der unermüdlichen Tatkraft des Thomaskantors, der Alumnatsinspektoren und älterer Thomaner gelang es innerhalb kürzester Zeit, die notwendigen Räumlichkeiten für die Jungen einzurichten sowie Noten und Musikinstrumente aus Leipzig herbeizuschaffen.

„Musikunterricht, Schul- und Probenarbeit konnten somit improvisiert weiterlaufen“ berichtet der ehemalige Thomaner und Zeitzeuge Heinz Günzel. Bereits eine Woche nach der Katastrophe sang der Chor in der Frauenkirche zu Grimma die erste Motette und zum Abschluss der Adventszeit Joh.Seb.Bachs Weihnachtsoratorium.

Ab Januar 1944 fanden auch in Leipzig wieder die traditionellen Sonnabend-Motetten mit Bachkantate in der Thomaskirche statt. Die Thomaner reisten hierzu morgens mit der Bahn nach Leipzig, probten mit dem Gewandhausorchester die Kantate und sangen am frühen Nachmittag in der stets vollbesetzten Kirche die Motette. „Mehr als einmal musste der Gesang wegen eines Fliegeralarms abgebrochen werden. Dann stürzte alles in die umliegenden Keller, aber mehrfach wurde nach der Entwarnung die Motette noch zu Ende gesungen“ schreibt Charlotte Ramin.

Je deutlicher sich das Ende des Krieges abzeichnete, umso prekärer wurde die Situation für die Thomaner. Ramin musste wiederholt hartnäckig mit den Nazibehörden verhandeln, um die Einberufung der 15- und 16-jährigen Jungen zum Arbeitsdienst und als Luftwaffenhelfer zu verhindern. Nur mit äußerster Energie und Beharrlichkeit gelang es ihm den Chor in seinem Bestand zu sichern und dessen künstlerisches Profil zu erhalten. Entspannung trat erst ein als amerikanische Truppen Grimma besetzten und damit der NS-Herrschaft das Ende bereiteten.

Ende Mai 1945 kehrte der Thomanerchor in das notdürftig instandgesetzte Alumnat nach Leipzig zurück und schon im Juni wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Joh.Seb.Bachs Matthäuspassion aufgeführt.

Stephan König gebührt Dank, dass er den ehemaligen Thomanern unter Thomaskantor Günther Ramin und allen Helfern, die in schwerster Zeit um den Bestand des Chores gerungen haben, mit seiner Komposition „Haddock“ ein würdiges Denkmal gesetzt hat.

Peter Roy