9 5 3 2 1 7

Der Thomanerbund e.V. trauert um

Dr. Dieter Ramin

Am 24. Januar 2018 verstarb im Alter 92 Jahren der ehemalige Thomaner und Thomasschüler Dieter Ramin nach langer Krankheit in seiner Wahlheimat Freiburg i.B. Der Thomanerbund verliert in ihm einen seiner profiliertesten Vorsitzenden, Ideengeber und Organisatoren. Nachdem der Bund in der einstigen sowjetischen Besatzungszone zwangsweise aufgelöst wurde, gründeten einige der in den Westen übergesiedelten Ehemaligen den Thomanerbund neu mit Sitz in Frankfurt a.M. Dieter Ramin gehörte zu denjenigen, die mit unermüdlicher Energie und Tatkraft die auf die damalige Bundesrepublik verstreuten alten Thomaner zusammenführte. Maßgeblich förderte er die alte Tradition der jährlichen Mitgliedertreffen gemeinsam mit ehemaligen Leipziger Persönlichkeiten aus dem Musik- und Geistesleben. Intensiv bemühte sich Ramin auch um die Aufrechterhaltung der Kontakte zu den in der damaligen DDR lebenden Thomanern unter Ausnutzung der erleichterten Reisemöglichkeiten während der Leipziger Messe, ferner mittels Briefverkehr und weihnachtlicher Paketsendungen.

Durch sein großes Engagement hat Dieter Ramin ohne Zweifel bewirkt, dass der Thomanerbund in der Zeit des Exils seinen Mitgliederbestand weitgehend halten und ein an den alten Vorbildern orientiertes Vereinsleben führen konnte. Das ist umso höher zu bewerten, als damals niemand die spätere politische Entwicklung vorausahnen konnte. Für die  erfolgreiche Rückkehr des Bundes nach der Wiedervereinigung hat nicht zuletzt Dieter Ramin nachhaltige Voraussetzungen geschaffen. Ein Ehrenplatz in der knapp einhundertjährigen Geschichte des Thomanerbundes ist ihm gesichert.

Dr. Peter Roy
Vorstandsvorsitzender

Leipzig, den 2. März 2018



„Haddock“ und der Thomanerchor (zur Uraufführung der Chorkantate von Stephan König zum Bachfest 2015 in Leipzig)

Obwohl Leipzig bereits 1941 unter dem Codenamen „Haddock (Schellfisch)“ auf einer Liste des Bomber Command der Royal Air Force als vorrangig zu bombardierende Stadt genannt wurde, ereignete sich zunächst, abgesehen von kleineren Attacken, kein größerer Luftangriff. Erst in der Nacht zum 4. Dezember 1943 brach das Unheil über die Stadt herein. Mit mehr als 500 Bombern wurden in einem verheerenden Flächenangriff große Teile der Innenstadt zerstört. Die Thomaskirche blieb wie durch ein Wunder weitgehend unversehrt. Um so mehr wurden die am Rande des Zentrums gelegenen Wohn- und Ausbildungsstätten der Thomaner, die Thomasschule und das Alumnat, durch Brandbomben arg in Mitleidenschaft gezogen. Da den Löschfahrzeugen der Feuerwehr infolge unpassierbar gewordener Straßen der Zugang verwehrt war, griffen die älteren Thomaner kurzerhand zu Schlauch und Spritze, um die sich bereits auf das Dach und einige Räume des Alumnats ausbreitenden Brandherde zu löschen. Frau Charlotte Ramin, die Witwe des damaligen Thomaskantors Günther Ramin, schreibt hierzu in ihren Erinnerungen: „ Es gelang ihnen tatsächlich, zu verhindern, dass das Feuer auf das eigentliche Haupthaus übergriff“. Nachdem die völlig verängstigten Kleinen aus dem Luftschutzkeller in die unweit des Alumnats gelegene Wohnung des Thomaskantors gebracht worden waren, bemühte sich Ramin beim Rat der Stadt um die Bereitstellung von Bussen, um den Chor aus der brennenden Stadt zu evakuieren. Für diesen Notfall war schon seit langem die Fürstenschule im nahe gelegenen Grimma vorgesehen. Charlotte Ramin: „….und dann begann eine grausige Fahrt. Dreimal mussten wir umkehren, weil Brände den Weg versperrten, und nach einer Stunde standen wir wieder vor dem Alumnat“. Schließlich gelang es dann doch dem Leipziger Inferno zu entkommen, so dass die Thomaner am späten Abend des 4. Dezember völlig erschöpft aber vollzählig und wohlbehalten ihr Refugium in Grimma erreichten.

Für den Thomanerchor war allerdings damit noch längst nicht die Zeit der Gefahren vorüber. Noch immer beherrschte der Krieg mit all seinen Schrecken und Beeinträchtigungen für mehr als ein Jahr das Alltagsleben. Umso dringender war es, den Chor wieder in eine der Situation angepasste, geregelte Lebensform zu bringen. Dank der unermüdlichen Tatkraft des Thomaskantors, der Alumnatsinspektoren und älterer Thomaner gelang es innerhalb kürzester Zeit, die notwendigen Räumlichkeiten für die Jungen einzurichten sowie Noten und Musikinstrumente aus Leipzig herbeizuschaffen.

„Musikunterricht, Schul- und Probenarbeit konnten somit improvisiert weiterlaufen“ berichtet der ehemalige Thomaner und Zeitzeuge Heinz Günzel. Bereits eine Woche nach der Katastrophe sang der Chor in der Frauenkirche zu Grimma die erste Motette und zum Abschluss der Adventszeit Joh.Seb.Bachs Weihnachtsoratorium.

Ab Januar 1944 fanden auch in Leipzig wieder die traditionellen Sonnabend-Motetten mit Bachkantate in der Thomaskirche statt. Die Thomaner reisten hierzu morgens mit der Bahn nach Leipzig, probten mit dem Gewandhausorchester die Kantate und sangen am frühen Nachmittag in der stets vollbesetzten Kirche die Motette. „Mehr als einmal musste der Gesang wegen eines Fliegeralarms abgebrochen werden. Dann stürzte alles in die umliegenden Keller, aber mehrfach wurde nach der Entwarnung die Motette noch zu Ende gesungen“ schreibt Charlotte Ramin.

Je deutlicher sich das Ende des Krieges abzeichnete, umso prekärer wurde die Situation für die Thomaner. Ramin musste wiederholt hartnäckig mit den Nazibehörden verhandeln, um die Einberufung der 15- und 16-jährigen Jungen zum Arbeitsdienst und als Luftwaffenhelfer zu verhindern. Nur mit äußerster Energie und Beharrlichkeit gelang es ihm den Chor in seinem Bestand zu sichern und dessen künstlerisches Profil zu erhalten. Entspannung trat erst ein als amerikanische Truppen Grimma besetzten und damit der NS-Herrschaft das Ende bereiteten.

Ende Mai 1945 kehrte der Thomanerchor in das notdürftig instandgesetzte Alumnat nach Leipzig zurück und schon im Juni wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Joh.Seb.Bachs Matthäuspassion aufgeführt.

Stephan König gebührt Dank, dass er den ehemaligen Thomanern unter Thomaskantor Günther Ramin und allen Helfern, die in schwerster Zeit um den Bestand des Chores gerungen haben, mit seiner Komposition „Haddock“ ein würdiges Denkmal gesetzt hat.

Peter Roy